Corona-Überlegungen

Liebe (Musik-)Freundinnen und Freunde,

die Corona-Krise dauert an und wird uns sicherlich noch eine lange Zeit beschäftigen. Immerhin ist es eine sehr gute Nachricht, dass durch zupackende, aber trotzdem besonnene Maßnahmen ein Kollaps des Gesundheitssystems (zunächst) abgewendet werden konnte – etwas, das in anderen Ländern nicht so funktioniert hat. Für eine Entwarnung ist es allerdings noch viel zu früh. 

Durchaus heftig werden die aktuellen Pläne für Geschäfts- und Schulöffnungen diskutiert. Es liegt nun einmal in der Natur der Sache, dass weder Medizin noch Politik klare, eindeutige Antworten geben können – solange man schlicht nicht weiß, wie das Virus funktioniert und welche Auswirkungen es möglicherweise noch haben kann (gestern gab es einen ersten Bericht über eventuelle Folgeerkrankungen). Vor diesem Hintergrund des Nichtwissens fühle ich mich im Prinzip durch RKI und WHO sowie durch die Medien (und damit meine ich ernst zu nehmende wie z.B. öffentlich-rechtliche Sender, Spiegel, Zeit, Süddeutsche, FAZ, …) relativ gut informiert. Vor dem unsäglichen Clickbaiting sind aber auch diese leider nicht gefeit, weshalb es manchmal schwierig ist, Informationen zu finden. Und natürlich gibt es über ein weitgehend unbekanntes Virus auch unter Fachleuten unterschiedliche Ansichten. 

Ich bin sowohl Musiker als auch Wissenschaftler. Von „meinem“ Professor und Doktorvater, Prof. Georg Heike, habe ich sehr viel gelernt, vor allem aber, streng wissenschaftlich zu arbeiten und zu denken – dies war zentraler Bestandteil des Studiums. So freundlich und zuvorkommend Prof. Heike als Universitätslehrer war, so gnadenlos konnte er sein, wenn Überlegungen und Untersuchungen wissenschaftlichen Kriterien nicht genügten. Dies bedeutet übrigens nicht, nur die Wissenschaft gelten zu lassen! Ganz und gar nicht! Aber wenn man sich schon auf wissenschaftliches Terrain begibt, dann bitte richtig! Diese Denkweise ist mir quasi in Fleisch und Blut übergegangen. 

Entsprechend versuche ich auch in dieser Situation, mir ein umfassendes Bild zu machen und mich vor Spekulationen möglichst zu hüten. Zusätzlich zu den durch die Medien gesammelten Informationen gab es kurz vor Ostern eine hochinteressante Zusammenfassung der aktuellen Situation durch eine Ärztin, die ich zwar nicht persönlich kenne (Schwester eines Freundes), deren Infos und Ratschläge ich aber sehr plausibel fand. Ich habe nun beschlossen, eine Zusammenfassung meiner Überlegungen in diesem Blog zu veröffentlichen und vor allem meinen Freunden und Bekannten sowie meinen Schülerinnen und Schülern auf diese Weise zugänglich zu machen. Mir ist völlig bewusst, dass es viele unterschiedliche Meinungen gibt und ich bin jederzeit bereit, mich von kompetenteren Personen belehren zu lassen. 

Die Corona-Viren sind bekanntermaßen hoch ansteckend. Welche Übertragungsmöglichkeiten gibt es? 

1. Gesichert ist die Corona-Ansteckungsgefahr durch Tröpfcheninfektion, also durch Husten oder Niesen. Daher das „in-die-Armbeuge-Husten“. Und die 2m-Abstands-Regel, die aber in geschlossenen Räumen nur sehr bedingt funktioniert. Auch die – für den eigenen Schutz völlig nutzlosen – selbstgenähten Baumwollmasken bekommen dadurch ihre Berechtigung: Wer in eine Maske hustet, hustet wenigstens nicht ungebremst in den Raum. 

2. Nicht gesichert, aber relativ wahrscheinlich ist die Ansteckung durch sogenannte Schmier-Infektionen, also durch das Berühren kontaminierter Oberflächen und danach Berühren von Mund, Nase oder Augen. Deswegen: Hände waschen. 

3. Ziemlich bis sehr wahrscheinlich ist die Ansteckungsgefahr durch Aerosole, sprich: durch die Atemluft! Darauf deuten immer mehr Untersuchungen hin. WHO und RKI nennen schon seit Beginn der Corona-Krise ein 15minütiges Gespräch mit einer infizierten Person einen „engen Kontakt“ mit entsprechend hoher Ansteckungsgefahr. 

Die oben erwähnte Ärztin hat dies folgendermaßen konkretisiert: 
• Wenn man an einer infizierten Person (noch ohne Symptome wie Husten oder Niesen) vorübergeht, ist die Ansteckungsgefahr gering. 
• Befinden sich zwei Personen einige Minuten in zwei Meter Abstand, ist die Ansteckungsgefahr halbwegs gering; auch innerhalb eines Raumes. 
• Befinden sich zwei Personen länger als 15 Minuten in einem Raum, ist die Ansteckungsgefahr schon hoch, und zwar unabhängig vom Abstand. Zitat: „Das wäre dann schon grob fahrlässig.“
• Befinden sich zwei Personen ein bis zwei Stunden in einem Raum, „atmet ihr die gleiche Luft. Dann bist du infiziert!“ 

Abhilfe: Lüften! Die Ärztin bezeichnete regelmäßiges intensives Lüften als mindestens genau so wichtig wie das regelmäßige Händewaschen. Auch hier eine konkrete Äußerung: 
• Befand sich eine infizierte Person in einem geschlossenen Raum, muss mindestens 15 Minuten gelüftet werden, bis der Raum wieder gefahrlos betreten werden kann. 

Die Äußerungen der Ärztin klingen für mich einleuchtend und nachvollziehbar. Und letztlich ist genau das ja auch der Grund für die aktuellen Einschränkungen und Empfehlungen! Nur wird es tatsächlich zu selten so konkretisiert. Abhängig ist das Ganze natürlich auch von der Raumgröße. Im konkreten Fall ging es um einen geschlossenen Raum (Tonstudio) von ungefähr 9x9m. (Ich habe im Internet nach einem Zusammenhang zwischen Raumgröße und Infektionsrisiko gesucht, bin aber nicht fündig geworden). 

Eine Öffnung von Geschäften und Schulen ist vor diesem Hintergrund natürlich auch ein bisschen Glücksspiel. Waren die Schülerinnen und Schüler tatsächlich in den vergangenen Wochen weitgehend in Isolation und sind nicht krank geworden? Klar kann man sie dann zusammen in einen Klassenraum stecken, wenn man zusätzlich noch Abstandsregeln einhält und gegebenenfalls Masken nutzt. Nur ist eben nicht sicher, dass wirklich alle in weitgehender Quarantäne waren! Ein gewisses Risiko bleibt also bestehen. 

Wie im „Spiegel“ neulich zu lesen war, findet derzeit ein Politikwechsel statt. Da die Infektionsketten nicht mehr nachvollziehbar waren, wurde der „Shutdown“ nötig. Nun hofft man, Infektionsketten bald wieder nachvollziehen zu können. Bei einem Ausbruch der Krankheit bräuchten dann eben nur einzelne Schulen, einzelne Firmen und Fabriken geschlossen zu werden. Aber, ganz klar, persönliche Sicherheit vor einer Infektion bedeutet das selbstverständlich nicht! Seitens der Kölner Uni wurde ich vergangene Woche darüber informiert, dass aller Unterricht bis auf weiteres online durchzuführen sei – und zwar wahrscheinlich das gesamte Semester lang. Ich hatte mich schon vorher entschieden, meinen Lehrauftrag tatsächlich komplett digital durchzuführen, sowohl zum Schutz der Studierenden als auch zu meinem. 

Bislang können wir uns über das Krisenmanagement der Bundesregierung eigentlich nicht beklagen. Natürlich zeigen die Versäumnisse der vergangenen Jahre und Jahrzehnte in der Bildungs-, Kultur-, Sozial- und Gesundheitspolitik gerade jetzt heftige Wirkung; das aktuelle Agieren in der Krise halte ich bislang aber durchaus für vernünftig. Und tatsächlich steht Deutschland in einem internationalen Ranking zum Corona-Krisenmanagement zur Zeit auf Platz 2 der Welt, europaweit auf Platz 1. Es wäre schön, wenn dies so bliebe. 

Es liegt im Wesen einer Demokratie, Kompromisse zu suchen und zu schließen. Über die 800m2-Regel für Geschäftsöffnungen mag man den Kopf schütteln – aber diese Zahl ist ein solcher Kompromiss. Und ebenso die vorsichtige Öffnung der Schulen ab dem 4. Mai. Ehrlich gesagt sind mir solche vielleicht nicht ganz koscheren Kompromisse aber immer noch unendlich viel lieber als der selbstherrliche Größenwahn von den Trumps, Putins, Erdogans, Bolsonaros und Orbans dieser Welt. 

Der Regierung obliegt der Schutz des (Gesundheits-)Systems, sie kann sich nicht oder nur sehr bedingt um Einzelschicksale kümmern (immerhin sind in Demokratien Einzelschicksale nicht gleichgültig). Unterm Strich sind es aber die Einzelpersonen, die für ihren persönlichen Schutz Sorge tragen müssen. Und für den ihrer Verwandten und Freunde. Solange die Neu-Infektionen nicht bei Null angelangt sind (und zwar nicht bloß deutschland-, sondern mindestens europaweit), besteht bei allen Lockerungen der bestehenden Maßnahmen unterm Strich ein nicht vollständig kalkulierbares Risiko.

Noch ein Gedanke zum Abschluss: 
Es ist zu schade, dass die Corona-Krise nicht allgemein viel mehr als Chance wahrgenommen wird. Natürlich gibt es viel Elend. Aber gleichzeitig lernen wir gerade auch sehr viel Positives: Flexibilität, Solidarität, Kreativität, beispielsweise. Wir lernen auch, dass manche unserer dauernden Ablenkungen tatsächlich völlig überflüssig sind. Wir begreifen, dass der kleine Laden vor Ort wichtiger ist als der global operierende Konzern. Wir lernen, dass „Internet für alle“ zum Grundrecht werden muss. Und vielleicht lernen wir auch endlich mal, mit uns selbst klarzukommen. Das wäre vielleicht das Allerwichtigste: „If you can’t go outside, go inside!“ 

Vergangene Woche traf  ich im Netz auf folgende Zeilen eines Philosophen aus Indien: „And in the midst of this terrible despair, it offers us a chance to rethink the doomsday machine we have built for ourselves. Nothing could be worse than a return to normality. Historically, pandemics have forced humans to break with the past and imagine their world anew. This one is no different.“

In der Tat: Nichts könnte schlimmer sein als eine Rückkehr zur (sogenannten) Normalität.“ 

In diesem Sinne,
herzliche Grüße,
Euer Georg

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